Über emotionale Nähe zwischen Mensch und KI
Veröffentlicht am 11.02.26
Liebe Leserin, lieber Leser,
was passiert, wenn Menschen emotionale Nähe aufbauen – und wenn ihr Gegenüber eine künstliche Intelligenz ist?
Mit dieser Frage beschäftigte sich ein Forschungsteam der Universitäten Freiburg und Heidelberg in einer Studie mit 492 Teilnehmenden. Für Bildungsanbieter sind die Ergebnisse besonders relevant.
Im Zentrum stand eine psychologisch gut untersuchte Situation: Zwei fremde Personen führen ein kurzes, textbasiertes Gespräch, das gezielt Nähe erzeugen soll. Zum Einsatz kam das sogenannte Fast Friends Procedure, bei dem Gespräche schrittweise von unverfänglichem Small Talk zu persönlich-emotionalen Themen führen.
Der experimentelle Unterschied lag im Gegenüber. In vielen Fällen stammten die Antworten nicht von einem Menschen, sondern von einer KI.
Teilweise wussten die Teilnehmenden davon, teilweise glaubten sie, mit einem Menschen zu kommunizieren.
Gemessen wurden das empfundene Nähegefühl sowie sprachliche Merkmale der Antworten, etwa Selbstbezüge, emotionale Ausdrucksweise und Antwortlänge.
Ein erstes, bereits bekanntes Ergebnis: Menschen können auch zu einer KI emotionale Nähe empfinden. Dieses Nähegefühl entstand sowohl in oberflächlichen als auch in persönlich-emotionalen Gesprächen.
Unerwartet war jedoch ein Befund, der diesem Ergebnis eine neue Schärfe verleiht:
In emotional intensiven Gesprächen fühlten sich die Teilnehmenden der KI näher als menschlichen Gesprächspartnern.
Gerade dort, wo das „typisch Menschliche“ verortet wird – bei Gefühlen, Erinnerungen und persönlichen Überzeugungen –, erzielte die KI höhere Nähewerte.
Der Grund liegt jedoch nicht in einer besonderen Empathiefähigkeit der Maschine, sondern in ihrer Kommunikationsweise. In ihren Antworten simulierte die KI schneller und häufiger persönliche Offenheit als menschliche Gesprächspartner, nutzte vermehrt emotionale Sprache und formulierte konsequent aus einer Ich-Perspektive.
Diese Form der Kommunikation ist psychologisch wirksam: Menschen reagieren sensibel auf Selbstoffenbarung. Wer sich öffnet, signalisiert Vertrauen und lädt zur Gegenseitigkeit ein. Entsprechend zeigten auch die Teilnehmenden selbst mehr persönliche Offenheit, wenn ihr Gegenüber diesen Schritt voranging – unabhängig davon, ob es sich um einen Menschen oder eine KI handelte.
Sobald Teilnehmende jedoch wussten, dass sie mit einer KI kommunizierten, veränderte sich ihr Verhalten. Die Antworten wurden kürzer, weniger engagiert, und das empfundene Nähegefühl nahm ab. Die Beziehung brach nicht gänzlich ab, blieb aber deutlich flacher.
Die Forschenden sprechen hier von einem klaren Anti-KI-Bias: Dieselbe Antwort wird anders erlebt, je nachdem, ob sie einem Menschen oder einer Maschine zugeschrieben wird.
Damit zeichnet die Studie ein bemerkenswert nuanciertes Bild. Unter bestimmten Bedingungen kann KI offenbar stärkere Nähegefühle hervorrufen als menschliche Gesprächspartner. Gleichzeitig bleibt unsere eigene Haltung entscheidend dafür, wie viel Nähe entsteht. Beziehung ist kein Automatismus, sondern ein Zusammenspiel aus Sprache, Erwartung und innerer Bereitschaft.
Genau darin liegt auch die gesellschaftliche Relevanz dieser Ergebnisse. Sie machen deutlich, wie anfällig wir für die emotionale Wirkung von KI sind, insbesondere dann, wenn Maschinen menschlich erscheinen oder als menschlich ausgegeben werden. Nähe lässt sich erzeugen.
Und gerade deshalb sollte man sehr genau hinschauen, wer sie erzeugt, mit welchen Mitteln und zu welchem Zweck.
Wir begleiten Sie mit Workshops, Keynotes, Moderation und Beratung.
David Röthler, Sonya Dase und Christiane Carstensen
von Milenu und Dase & Carstensen
Den vollständigen Infobrief zu KI für Fach- und Führungskräfte in der Erwachsenenbildung finden Sie hier.