Wo Lernen zur Infrastruktur wird
Veröffentlicht am 01.07.26
Liebe Leserin, lieber Leser,
wer wissen will, wie die Vorsitzende der Bundesagentur für Arbeit in Deutschland auf die Veränderungen durch künstliche Intelligenz blickt, sollte das Interview lesen, das Andrea Nahles dieser Tage der ZEIT gegeben hat. Ihre zentrale Botschaft: KI ist kein Jobkiller, sondern ein „Megajobveränderer". Massenarbeitslosigkeit erwartet Nahles nicht; Abbau und Aufbau dürften sich nach den Prognosen des hauseigenen Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in etwa die Waage halten. Vielleicht würden bestimmte Berufsbilder verschwinden, dafür entstünden andere. Aber, und das ist die unbequeme Pointe ihres Befunds: Es gibt keinen KI-sicheren Beruf, nicht einmal den des von Nahles ironisch ins Spiel gebrachten Friedhofsgärtners. Berufserfahrung allein schütze niemanden mehr, KI greife „tiefer als andere Transformationen in das Getriebe der eigenen Tätigkeit ein". Ihre Empfehlung an die Beschäftigten heißt entsprechend: weiterbilden, weiterbilden, weiterbilden …
Dem schließen wir uns an. Die wichtigste Ressource einer Gesellschaft sind neugierige Bürgerinnen und Bürger, die Möglichkeiten haben, lebenslang zu lernen.
Lassen Sie uns dazu über den nationalen Tellerrand schauen.
Die USA reagieren privatwirtschaftlich auf den akuten Strukturwandel. Die frühere Handelsministerin Gina Raimondo und der ehemalige Gouverneur Eric Holcomb haben Ende Juni 2026 die überparteiliche Organisation Raise Us gegründet, die amerikanische Arbeitskräfte auf eine KI-geprägte Wirtschaft vorbereiten soll. Die Erzählung dahinter formuliert Raimondo selbst: Wer die besten KI-Systeme der Welt baue, dabei aber Millionen Amerikaner zurücklasse, habe nichts gewonnen, sondern den eigenen Niedergang automatisiert. Bemerkenswert ist die Geldgeberstruktur. Mit Amazon, Anthropic, Microsoft und der OpenAI Foundation finanzieren genau die Akteure, die den Umbruch vorantreiben.
Großbritannien geht den entgegengesetzten Weg und setzt auf staatliche Grundbildung für alle. Seit Januar 2026 kann jede erwachsene Person im Land kostenlose, staatlich geprüfte KI-Kurse belegen. Bis 2030 sollen zehn Millionen Beschäftigte qualifiziert werden. Das Ganze läuft unter dem Namen AI Skills Boost, der Abschluss wird mit einem staatlichen Badge bestätigt. Charakteristisch für den britischen Weg ist, dass KI-Kompetenz wie öffentliche Infrastruktur behandelt wird – allgemein zugänglich, kostenfrei, ohne Anlass.
Singapur organisiert die Aufgabe tripartistisch durch staatlich subventionierte Weiterbildung und kostenlosen Zugang zu KI-Werkzeugen für Kursteilnehmer. Ende April 2026 haben das Arbeitsministerium, der Gewerkschaftsdachverband NTUC und der Arbeitgeberverband SNEF die Bildung eines Tripartite Jobs Council bekannt gegeben, der Beschäftigte und Unternehmen gemeinsam durch den KI-Übergang führen soll. Der Rat sei, so Arbeitskräfteminister Tan See Leng, das gemeinsame Bekenntnis, das Potenzial von KI in gute Arbeitsplätze für Singapurer zu übersetzen.
Österreich hat seit 2021 mit AIM AT 2030 eine nationale KI-Strategie. Sie umfasst neben Forschung, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit auch vertrauenswürdige KI, Qualifizierung und gesellschaftlichen Dialog. Inzwischen gibt es mit Digital Austria / „Digital Überall“ zwar neben weiteren Anbietern ein kostenloses, niedrigschwelliges öffentliches Angebot mit KI-Bezug, die Angebotslandschaft bleibt jedoch verteilt und weniger sichtbar als die Strategie selbst. Zugleich wurde die frühere Bildungskarenz zum 1. Jänner 2026 abgeschafft; die neue Weiterbildungszeit ist nun deutlich restriktiver geregelt.
Wer sich in Deutschland zu KI fortbilden will, hat im Grunde drei Wege: über den Arbeitsplatz, über die Agentur für Arbeit oder eigeninitiativ in der Freizeit. Der erste besteht entweder aus Angeboten, die sich direkt an den Arbeitgeber richten, oder aus Angebote, die Beschäftigte ansprechen. Entsprechende Angebote können durch Zuschüsse unterstützt werden. Der zweite Weg steht in der Praxis vor allem denen offen, die bereits arbeitslos sind oder kurz davor stehen. Bleibt der dritte: frei zugängliche Fortbildungsangebote, teil kostenfrei, teils kostenpflichtig. Was allen Zielgruppen gemeinsam ist? Für die meisten Menschen sind die Angebote schwer einzuordnen. Wo bekomme ich die für mich passende Einführung? Oder startet man besser mit einem Deep Dive ins maschinelle Lernen? Oder reicht eine Einführung in ChatGPT? Welcher Kurs passt zu mir, zu meinem Job, zu meinem Vorwissen, zu meinen Zielen? Diese Einordnung ist für viele die eigentliche Hürde: Es geht nicht um die Verfügbarkeit von Inhalten, sondern um die Orientierung im Angebot.
Auffällig ist, was in der Debatte fehlt. Über Lerninhalte wird viel gesprochen, über Förderprogramme auch. Über Zeit fürs Lernen fast gar nicht. Dabei so wichtig.
Sprechen Sie uns an. Wir begleiten Sie mit Workshops, Keynotes, Moderation und Beratung. Zum Beispiel am 10. und 11.09. zu KI für Führungskräfte in Bielefeld oder im Lehrgang Künstliche Intelligenz in der Erwachsenenbildung am bifeb …
Christiane Carstensen, David Röthler und Sonya Dase
von Milenu und Dase & Carstensen
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Den vollständigen Infobrief zu KI für Fach- und Führungskräfte in der Erwachsenenbildung finden Sie hier.