
Aus einem Satz in unserer Sprache wird eine App. Warum Sie eine KI-Strategie nicht im Werkzeugkasten der Digitalisierung finden.
Liebe Leserin, lieber Leser,
vor wenigen Tagen hat der Entwickler Brandon Thomas unter dem Namen ArtCraft mit Hilfe von KI eine kostenlose Open-Source-Alternative zu Adobes Creative Cloud veröffentlicht, mit Nachbauten von Photoshop, Lightroom, Premiere und weiteren Programmen. Noch sind die Programme fehlerhaft und für Profis keine Alternative. Aber eine Software-Suite, für deren Entwicklung man früher ein großes Team gebraucht hätte, entstand weitgehend aus Anweisungen an eine KI. Und um die Apps in den App-Store zu bringen, braucht es auch nur noch einen Satz.
Davon erfuhren wir am Wolfgangsee, mitten in einem Workshop, in dem wir genau das sofort mit deutlich kleiner gesteckten Zielen ausprobierten.
Immerhin. Ein Satz wie „Generiere ein Spiel wie Tetris als Browsergame“ genügte, um ein Spiel zu bauen, das auch auf dem Handy läuft, und es online zu stellen. David ergänzte den Prompt um den Halbsatz „… und bau es in meine Website ein“. Am Abend im Hotelzimmer reichten Christiane zwei Sätze, um eine Sprachlern-App zu bauen und online zu stellen: “Bau mir eine Sprachlern-App. Ich will Englisch lernen, geringe Vorkenntnisse, bitte mit API und Live-Funktion.” Seitdem führt sie mit einem kleinen digitalen Gesprächspartner Gespräche auf Englisch.
Wir könnten jetzt über das Modell sprechen, über den Prompt, ob die Qualität tatsächlich stimmt oder darüber, wie einfach es war, sie mit dem Hosting einer eigenen Domain zu verbinden. Das wäre die falsche Fährte. Die App ist nicht die Nachricht.
Die Nachricht ist, dass aus einem Satz in unserer eigenen natürlichen Sprache ein digitales Produkt wurde. Wir haben dafür nicht programmiert. Das funktioniert schon länger, aber mittlerweile erreichen wir als Laien komplett andere Dimensionen.
Seit vier Jahren sagen wir in unseren Beratungen, dass die nächste Sprachlern-App im Kinderzimmer gebaut wird. Jetzt ist es so weit. Vieles von dem, was bisher gekauft wird, könnte sich jede und jeder selbst machen, von der Vokabel-Lern-App über den Konversations-Avatar bis hin zu komplexen E-Learning-Modulen. In unseren Workshops sehen wir, wie kleine kostenpflichtige Anwendungen kurzerhand nachgebaut werden. Große, tief integrierte Systeme mit sensiblen Daten betrifft das aktuell noch kaum. Die einzelne Vokabel-App oder das kleine Übungstool stehen dagegen sehr wohl auf dem Prüfstand.
Diese Entwicklung kollidiert mit einer anderen. Viele Bildungsanbieter reagieren auf KI gerade mit einer Digitalstrategie. Genau hier liegt ein Widerspruch. Sie digitalisieren ihre Angebote, bauen Lernplattformen aus und entwickeln mehr und mehr E-Learning und digitale Formate. Damit investieren sie genau in das fertige digitale Produkt, das jede und jeder sich nun selbst bauen kann.
Wer KI für die nächste Stufe der Digitalisierung hält, greift folgerichtig auf bewährte Digitalstrategien zurück. Dabei übersieht er den eigentlichen Epochenbruch: Mit generativer KI wird die Sprache selbst zur Schnittstelle der Technologie. Wir haben hier keine Fortsetzung der Digitalisierung, sondern etwas grundlegend Neues.
Eine KI-Strategie findet man deshalb nicht im Werkzeugkasten der Digitalisierung.
Die Apps, die wir uns gebaut haben, werfen noch viele weitere Fragen auf, etwa zu Schattensoftware, Betriebssicherheit und Datenschutz oder auch zu didaktischer Qualität. Eine Flut digitaler Produkte. Damit ließen sich noch zig weitere Editorials füllen. Zugleich bergen sie Chancen. Wie großartig, wenn man sich einfach bauen kann, was man braucht. Vielleicht kaufen wir irgendwann nicht mehr Software, sondern abgesicherte Räume, in denen wir die Software, die wir uns selbst bauen, sicher betreiben können. Was denken Sie?
Sprechen Sie uns an. Wir begleiten Sie mit Workshops, Keynotes, Moderation und Beratung.
Christiane Carstensen, David Röthler und Sonya Dase von Milenu und Dase & Carstensen